Die Führungskraft im digitalen Zeitalter

von Gastautor (Kommentare: 0)

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Gunther Olesch

Industrie 4.0 ist kein messbares Ziel wie die Budgetplanung eines Unternehmens. Es wird z.B. Umsatz, Ertrag, Kosten, Investitionen, Personal etc. für ein Jahr oder auch mehrere definiert. Während dieses Zeitraumes kann anhand der Zahlen ermittelt werden, ob man die Ziele erreicht oder ob es Abweichungen gibt. Bei der Industrie 4.0 gibt es kaum messbare Größen. Wenn mich Mitarbeitende fragen, wo werden wir in 5 Jahren bei dem Thema Industrie 4.0 stehen, antworte ich: das kann ich nicht sagen. Ich erkläre, dass Industrie 4.0 ein Weg ist, den wir gehen wollen und ich fest davon überzeugt bin, dass es das Richtige für unser Unternehmen und unsere Arbeitsplätze ist. Die Zukunft kann man nicht messen und auch nicht wissen. Die Zukunft kann man selber gestalten, wenn man Überzeugung, Glauben und Hoffnung auf das hat, was man tut. Deswegen sind Visionen wichtig. Sie sind keine messbaren Größen. Sie können uns aber den Mut geben, neue Wege zu gehen und in Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Mit Mut neue Wege gehen

Gerade wir Deutschen sollten unsere Scheu vor neuer Technologie überwinden. Der MP3-Player ist in Deutschland entworfen worden. Produziert und erfolgreich gemacht wurde er im Ausland. Oder die Magnetschwebebahn, keine Emission, schnell von einem Ort zum anderen, kam nicht in Deutschland zum Tragen. Sie fährt heute in Shanghai. Wir sollten wieder mehr Spirit entwickeln, um neue Wege zu beschreiten und den Start-up-Gedanken mehr aufzunehmen. Christoph Columbus verließ die Santa Maria um Amerika zu betreten. Er kannte nicht die Risiken und Gefahren durch wilde Tiere, feindliche Menschen und gefährliche Krankheiten. Er hat es trotzdem gemacht, vom Spirit angetrieben, neue Welten kennenzulernen. Neil Amstrong betrat 1969 als erster Mensch den Mond, ohne alle Risiken von vornherein zu kennen. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit.“ Wir sollten mehr von diesem Spirit und Mut beseelt sein.

Was ändert sich für die Führungskraft?

Für die Führungskraft werden deutliche Verhaltensänderungen notwendig sein. Stark vereinfacht war es bisher ihre Aufgabe, Vorgaben den Mitarbeitenden zu geben und zu überwachen, dass diese erfolgreich erfüllt werden. Die Informationen über Daten im Detail besaß ausschließlich der Vorgesetzte. Sein Informationswissen war sein Machtmonopol. Er war auch der „Mächtige“, der die Mitarbeitenden beurteilte, was primär subjektiv erfolgte. Durch die Digitalisierung erhalten die Mitarbeitende über mobile IT-Systeme die Detailinformationen, die sie für ein erfolgreiches Arbeiten benötigen. Informationen  werden transparenter und zugänglicher. Dadurch wächst die Autonomie der Mitarbeitenden.

Die Führungskraft in der Digitalisierung wird sich zukünftig als Change Leader verstehen müssen, wobei die Begeisterung und Befähigung der Mitarbeiter für Industrie 4.0 im Vordergrund steht. Sie erkennt die Bedürfnisse und Motive ihrer Mitarbeiter und „belohnt“ diese dafür, dass sie Zielvereinbarungen einhalten, sich an bestimmte Verhaltensregeln halten und die erwartete Leistung erbringen. Die moderne Führungskraft verändert das Verhalten und das Bewusstsein von Mitarbeitenden in Richtung eines neuen, höheren Niveaus. Sie macht den Sinn und die Bedeutung der gemeinsamen Ziele und Ideale deutlich. Führungskräfte und Mitarbeiter sind gleichermaßen herausgefordert, inspiriert und motiviert, einen sinnvollen Beitrag zum Erfolg der Organisation und somit zur Verwirklichung der gemeinsamen Mission zu leisten. Die neuen Führungskräfte verstehen es, Begeisterung und Zuversicht zu erzeugen, sie können andere mitreißen; sie werden als Vorbilder wahrgenommen und vermitteln bei ihren Mitarbeitenden ein Gefühl des Stolzes und der Wertschätzung.

Qualifizierung – das A und O für den zukünftigen Erfolg

Eine Führungskraft wird sich in Zukunft weitaus mehr um die Entwicklung der Mitarbeitenden kümmern müssen. Um die digitalen Herausforderungen anzunehmen, ist Qualifizierung ein primärer Schlüssel zum Erfolg. Mitarbeitende müssen auf dem neusten Stand des Wissens sein, um die kommenden Veränderung und die Zukunft gestalten zu können.

Weiterhin muss die Führungskraft Arbeitsrahmenbedingungen schaffen, die den digitalen Weg erleichtern. Arbeitszeit- und Arbeitsplatzgestaltung stehen dabei im Vordergrund. Die adäquate IT-Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, ist dabei eine wichtige Voraussetzung. Die persönlichen Freiheitsgrade der Mitarbeitenden z.B. durch mobiles Arbeiten werden größer. Hier muss die Führungskraft ihren Mitarbeitenden viel stärker Vertrauen und Zutrauen schenken. Coachen heißt, verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Charakteren zu einem Team zu entwickeln. Das sind Herausforderungen, die die Führungskraft meistern muss.

Die wichtigsten Aufgaben des Managements bei der digitalen Transformation

Die Digitalisierung verändert unsere Arbeit und unsere Welt. Dadurch entsteht bei Menschen Unsicherheit und Angst. Die Aufgabe des Vorgesetzten ist es, Aktivitäten durchzuführen, die die Unsicherheit der Mitarbeitende in Begeisterung für die Zukunft umwandelt. Wie kann man nun als Manager diesen Spirit in die Belegschaft bringen? Die drei wichtigsten Maßnahmen sind: informieren, partizipieren und qualifizieren. Gerade wenn man das Ziel nicht messbar formulieren kann, muss man über jeden Schritt, den man in Richtung der Digitalisierung macht, informieren. Wenn Mitarbeitende unsicher sind, fragen sie nicht das Management sondern sprechen den Betriebsrat an. Daher ist es wichtig, ihn sehr früh ins Boot zu holen. Als Geschäftsführer für Human Resources diskutiere ich im Schnitt alle 2 Wochen die Entwicklungen in Richtungen Industrie 4.0 und Arbeitswelt 4.0 mit den Betriebsratsverantwortlichen unserer großen Werke. So kennen sie alle Schritte, die wir gemeinsam als nächstes vorhaben. Dabei ist es ausgesprochen wichtig, Vertrauen zu gewinnen und zu geben. Das kommt nur zustande, wenn das HR-Management redet wie es handelt und handelt wie es redet. Wenn Mitarbeitende dann den Betriebsrat ansprechen, kann er jederzeit Antworten geben und Unsicherheiten  oder gar Ängste abbauen.

Industrie 4.0 Projekte werden bei Phoenix Contact zusammen mit Betriebsrat durchgeführt. Solch eine Offenheit erzeugt Vertrauen in die gemeinsame Zukunft. Für die Mitarbeitenden wurde eine Präambel definiert, die ihnen Sicherheit für ihren Arbeitsplatz und die Zukunft geben soll:

Belegschaftsversammlungen werden von der HR-Geschäftsführung regelmäßig genutzt, um die Mitarbeitenden über die Fortschritte zu informieren, die das Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung macht. Darüber hinaus werden den Mitarbeitenden Podcasts zur Verfügung gestellt, in denen die Geschäftsführung ebenfalls regelmäßig informiert.

Bei all diesen Aktionen haben wir uns darüber gefreut, dass der Arbeitgeberverband Metall NRW und die IGM NRW Phoenix Contact als Vorbild für eine erfolgreiche In-dustrie 4.0 Einführung in einem Video präsentiert. (YouTube: Industrie 4.0: Chancen nutzen & Risiken begrenzen - Kurzversion IG Metall + Metall NRW). Das alles führt dazu, dass wir unsere Mitarbeitenden für die Zukunft Industrie 4.0  begeistern können und wir gemeinsam unsere Zukunft erfolgreich gestalten. Die Bestätigung für ein richtiges Vorgehen hat Phoenix Contact durch die regelmäßige Mitarbeiterbefragung erhalten. In den letzten Jahren sind wir mehrfach bester Arbeitgeber Deutschlands sowie bester Arbeitgeber für Ingenieure bei Top Employer geworden. Bei kununu erhalten wir sehr gute Bewertungen und Great Place to Work prämierte uns  2016 und 2018 zu den 1 % besten Arbeitgebern in Europa. Das sind wichtige Voraussetzungen, die dazu führen, dass unsere Mitarbeitende von Phoenix Contact begeistert sind und dadurch eine hohe Performance erbringen, die uns in unserer Branche zum Weltmarktführer gemacht haben.

Zum Autor:

Prof Dr. Gunther Olesch, Geschäftsführer von Phoenix Contact

Einen Kommentar schreiben

Zurück

Strametz & Associates GmbH · Josef-Wirmer-Straße 4 · 34414 Hansestadt Warburg · Telefon: (05641) 77 64 0-0 · E-Mail: